Die kleine Geschichte der Steyr-Werke und warum sie für Bewerber heute interessant ist
Foto: Daniel Seßler.
Wer sich heute auf eine Stelle bei Steyr Arms bewirbt, bewirbt sich bei einem Unternehmen, das auf ein Gründungsdatum im Jahr 1864 zurückblickt und im April 2024 zum vierten oder fünften Mal in seiner Geschichte den Eigentümer gewechselt hat. Welcher der beiden Sätze das Vorstellungsgespräch interessanter macht, hängt vom Bewerber ab. Beide sind wahr, und beide gehören zur Marke.
Die Steyr-Geschichte ist nicht nur Anekdoten-Material. Sie erklärt, warum die Firma heute so aufgestellt ist, wie sie ist. Sie erklärt das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Investoren, das in vielen mittelständischen Waffen- und Optikherstellern Mitteleuropas zu spüren ist. Wer in diese Branche einsteigt, ohne zu wissen, was 1864, 1989, 2019 und 2024 für Steyr bedeuten, geht ins Gespräch mit einem unvollständigen Bild.
1864: Josef Werndl und ein Sägewerk
Am 16. April 1864 gründet Josef Werndl gemeinsam mit seinem Bruder Franz die "Josef und Franz Werndl & Compagnie, Waffenfabrik und Sägemühle in Oberletten". Der Hinweis "Sägemühle" ist kein Detail. Die Firma startet als handwerklicher Familienbetrieb, der neben dem Holz auch Gewehre fertigt. Innerhalb weniger Jahrzehnte wird daraus die größte Waffenfabrik Europas.
Aus dem Werndl-Betrieb wird Ende des 19. Jahrhunderts die Österreichische Waffenfabriks-Gesellschaft, später, ab 1926, die Steyr-Werke. Zu Spitzenzeiten beschäftigt das Unternehmen über 15.000 Menschen. In Steyr, Letten, Graz, Wien-Simmering und St. Valentin werden Pistolen und Gewehre gefertigt, aber auch Pkw, Lkw, Geländewagen, Traktoren, Kugellager, Motorräder und Fahrräder. Steyr ist ein Industrie-Synonym für Ober- und Niederösterreich, vergleichbar mit dem, was Krupp für das Ruhrgebiet ist.
Ferdinand von Mannlicher
Der Name "Mannlicher", den die Firma bis 2019 im offiziellen Titel führt, geht auf den Ingenieur Ferdinand Ritter von Mannlicher zurück. Er entwickelt im späten 19. Jahrhundert ein Repetier-System, das in mehreren Varianten Weltkarriere macht. Das bekannteste zivile Produkt, das aus dieser Linie hervorgeht, ist das Mannlicher-Schönauer-Repetiergewehr, das ab 1903 in Steyr gebaut wird und über Generationen zur Referenz für hochwertige europäische Jagdwaffen avanciert.
Für Bewerber heute ist Mannlicher mehr als ein historischer Name. Wenn ein Jagdwaffen-Hersteller in Mitteleuropa von "Mannlicher-Tradition" spricht, meint er meistens nicht ein Produkt, sondern eine Bauphilosophie: Repetierwaffen mit hoher Präzision, betont europäischem Design, traditionellem Schaft. Die Mannlicher-Tradition ist auch eine Erwartungshaltung, die sich auf die Mitarbeiter in der Entwicklung und in der Werkstatt überträgt.
1934: Verschmelzung in Steyr-Daimler-Puch
1934 verschmilzt die Österreichische Waffenfabriks-Gesellschaft mit der Austro-Daimler und den Puch-Werken zur Steyr-Daimler-Puch AG. Damit wird aus dem reinen Waffenproduzenten ein Mischkonzern. Diese Phase prägt die Region für Jahrzehnte. Wer in Oberösterreich aufwächst, hat häufig Verwandte, die in einem der Steyr-Werke gearbeitet haben, oft an einem Standort, der gar nicht direkt mit Waffen zu tun hatte.
Für die Jagdwaffenproduktion bedeutet die Konzernzugehörigkeit beides: Stabilität durch große industrielle Strukturen, und gleichzeitig die Gefahr, dass die kleinere Waffensparte im Konzerngefüge nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie braucht. Diese Spannung wird sich später, in den 1980er Jahren, in der Aufspaltung niederschlagen.
1987 bis 1998: Privatisierung und Verselbständigung
Steyr-Daimler-Puch war ein verstaatlichtes Unternehmen, und in den 1980er und 1990er Jahren wurde der Konzern Schritt für Schritt aufgeteilt und privatisiert. 1989 wurde die Waffenproduktion als Steyr Mannlicher AG ausgegliedert und unter eigener Rechtsform weitergeführt. Damit war die Voraussetzung für eine fokussierte Markenentwicklung im Jagd-, Sport- und Behördensegment geschaffen.
Die Marke Steyr ist über die folgenden Jahrzehnte hinweg eine feste Größe in der europäischen und internationalen Waffenbranche geblieben. Die jeweiligen Eigentümer haben die Markenidentität und die produktionsseitige Substanz konsequent gehalten und weiterentwickelt.
2019 und 2024: Steyr Arms
Zum 1. Januar 2019 wird das Unternehmen von "Steyr Mannlicher GmbH & Co. KG" in "Steyr Arms GmbH" umbenannt. Die Begründung in der Außenkommunikation ist die bessere internationale Lesbarkeit: "Arms" funktioniert auf englischsprachigen Märkten besser als "Mannlicher". Intern markiert die Umbenennung auch einen Strategiewechsel: weg von einer rein traditionsorientierten Marken-Erzählung, hin zu einem stärker globalen Auftritt mit klarem Fokus auf Sportwaffen, Behörden und Jagd.
Im April 2024 übernahm die tschechische Investment-Gruppe RSBC (Robert Schönfeld Business Consulting) das Unternehmen vollständig. Der vorherige Eigentümer war die SMH Holding GmbH. RSBC hält weitere Waffenhersteller im Portfolio und ordnet Steyr Arms damit in eine internationale Markenfamilie ein, die zusätzliche Ressourcen für Internationalisierung und Produktentwicklung mitbringen kann.
Was Bewerber daraus mitnehmen sollten
Aus der Geschichte lassen sich drei Punkte ableiten, die im Vorstellungsgespräch von Nutzen sind.
Erstens hat Steyr Arms eine lange Tradition handwerklicher Präzision, die aus der Werndl-Mannlicher-Linie kommt und an den Werkbänken bis heute spürbar ist. Wer auf eine Stelle in der Fertigung oder im Service kommt, sollte wissen, dass das nicht Marketing ist, sondern Selbstverständnis der Belegschaft. Wer von "Innovation" spricht, ohne Tradition zu erwähnen, wirkt im Gespräch fremd.
Zweitens ist Steyr Arms ein Unternehmen mit einem internationalen Eigentümer und einem global ausgerichteten Vertrieb. Wer auf eine Vertriebs- oder Marketing-Stelle geht, sollte Reisebereitschaft, Englischkenntnisse und Verständnis für Märkte jenseits des deutschsprachigen Raums mitbringen, idealerweise auch für regulatorische Themen, die in Tschechien, Slowenien oder den USA anders gelagert sind als in Österreich.
Drittens hat das Unternehmen in den letzten 40 Jahren verschiedene Eigentümer-Konstellationen erlebt und dabei seine handwerkliche und markenseitige Substanz konsequent gehalten. Diese Anpassungsfähigkeit ist eine eigene Qualität, die in der mitteleuropäischen Waffenbranche nicht selbstverständlich ist und die das Haus für eine längere Karriere besonders interessant macht.
Eine neue Etappe
Die Übernahme durch RSBC im April 2024 leitet eine neue Etappe in der langen Markengeschichte ein. Die Branche verfolgt mit Interesse, wie sich die Produktlinien und die internationale Aufstellung weiterentwickeln. Pirsch und Wild und Hund haben darüber berichtet, die Steyr-Arms-eigene Pressemitteilung vom 23. April 2024 ist über die Unternehmens-Website auffindbar.
Die Steyr-Geschichte steht beispielhaft für die Verbindung von handwerklicher Tradition und unternehmerischer Erneuerung, die mehrere Häuser der mitteleuropäischen Jagdbranche prägt. Für Bewerber lohnt es sich, neben der Produktwebsite auch die Firmen-Geschichte als Ganzes zu lesen. Wer Tradition, internationale Ausrichtung und die unterschiedlichen Markenlinien einer Gruppe versteht, geht informierter ins Gespräch.
Stellen bei Steyr Arms und anderen Waffenherstellern in der Branche findest du auf Jagdjobs.de.