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Forst und Klima: Warum die Landesforsten gerade nach Wildtiermanagern suchen, nicht mehr nach Förstern

Jagdjobs-Redaktion11. Mai 20268 Min Lesezeit
Forst und Klima: Warum die Landesforsten gerade nach Wildtiermanagern suchen, nicht mehr nach Förstern
Foto: Rowan Heuvel, Bergherbos (Niederlande)

Mischwald im Morgennebel. Die deutsche Forstlandschaft verändert sich schneller als die Stellenausschreibungen ihrer Verwaltungen. Foto: Rowan Heuvel.

Wer in einem deutschen Forstrevier eine junge Eiche pflanzt, kann ihr beim Wachsen praktisch zusehen. Das ist Teil des Problems. Der Waldzustandsbericht 2024 für Brandenburg weist Verbisswerte aus, die für die nächsten zwei Förster-Generationen das wichtigste Arbeitsthema bleiben werden: junge Eichen sind dort zu 43 Prozent verbissen, Buchen zu 30 Prozent, die anderen Laubbaumarten knapp unter 30. Andere Bundesländer melden in ihren Waldzustandsberichten ähnliche Größenordnungen.

Daraus ist in den vergangenen drei bis vier Jahren ein Stellenmarkt entstanden, den es zuvor nicht gab. Die Landesforsten und kommunalen Forstbetriebe schreiben Positionen aus, die zwar formal Förster-Stellen sind, in der Stellenbeschreibung aber etwas Neues verlangen. Wildtiermanagement, Konfliktarbeit, Monitoring, Kommunikation mit Jagdpächtern. Wer als Berufseinsteiger heute in den Forst kommt, geht in einen anderen Beruf als die Kollegen, die vor zehn Jahren das Examen gemacht haben.

Das Problem ist messbar geworden

Lange war Wildverbiss ein lokales Streitthema zwischen Förstern und Jagdpächtern. Mit den Klimaschäden der Jahre 2018 bis 2020 wurde es zu einem strukturellen Problem. Die Fichtenmonokulturen, die nach dem Krieg in vielen Bundesländern als Wirtschaftswald aufgebaut worden waren, brachen unter Trockenheit und Borkenkäferbefall zusammen. Allein in Bayern, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen entstanden mehrere hunderttausend Hektar Kalamitätsflächen. Diese Flächen müssen wieder bewaldet werden, und zwar mit klimaresilienten Mischwäldern aus Laubbäumen und tiefwurzelnden Nadelhölzern.

Genau hier hakt es. Die Bundeswaldinventur 2024 dokumentiert, dass die Wiederbewaldung der Kalamitätsflächen vor allem zum Laubholzanteil beiträgt, in Nordrhein-Westfalen ist der Laubwaldanteil mittlerweile auf 65 Prozent gestiegen. Aber die Inventur dokumentiert auch, dass die Zahl der nicht verbissenen nachwachsenden Pflanzen für die Entwicklung artenreicher Mischwälder noch immer zu gering ist. Auf gut Deutsch: Die jungen Laubbäume, die der Klimawandel verlangt, werden von Schalenwild so stark verbissen, dass sie es ohne aktiven Schutz nicht in die nächste Generation schaffen.

Der Borkenkäfer macht es nicht besser. Steigende Temperaturen verlängern seine Vermehrungszeit, das erste Schwärmen wurde in den letzten Jahren teilweise schon im März beobachtet, das späte im November. Pro Jahr kommen statt einer mittlerweile zwei bis drei Generationen vor. Forstbetriebe brauchen mehr Personal für Monitoring und Aufarbeitung, gleichzeitig brauchen sie mehr Personal für die Wiederbewaldung der Flächen, auf denen der Käfer schon war. Beides zusammen erzeugt einen Personalbedarf, den die Verwaltungen seit den 2000er-Jahren nicht mehr kannten.

Ein Forstmitarbeiter geht durch einen dichten Mischwald Forstpersonal im Mischwald. Die Aufgaben verschieben sich von Bewirtschaftung zu Monitoring und Wildtiermanagement. Foto: Hanna Lazar.

Die Stellen-Geschichte aus Bayern

Bayern hat die größte Forstverwaltung im Bundesgebiet und ist deshalb der beste Indikator. 2017, mit der Waldumbau-Offensive 2030, hatte die Staatsregierung 200 neue Beratungsförster-Stellen zugesagt und ein Programm mit 200 Millionen Euro zusätzlichen Fördermitteln auf den Weg gebracht. Ziel war es, den Waldumbau im Privat- und Körperschaftswald von 6.000 auf 10.000 Hektar pro Jahr zu steigern. Eine Generationenaufgabe, so die offizielle Begründung damals.

Der Bund Deutscher Forstleute Bayern (BDF) hat die Umsetzung über die Jahre öffentlich begleitet. In einer Pressemitteilung zur Landesversammlung 2022 zog er Bilanz: Von den zugesagten 200 Stellen waren bis dahin im Saldo gerade einmal acht zusätzliche Stellen realisiert worden. Die Verbandsformulierung war zurückhaltend, der Befund eindeutig. Der politisch versprochene Personalaufbau hatte praktisch nicht stattgefunden. Wer in dieser Zeit ein Forststudium begonnen hatte, fand bei seinem Abschluss nicht den Arbeitsmarkt vor, den die politische Rhetorik nahegelegt hatte.

Wer die Stellenportale der 16 Landesforsten regelmäßig sichtet, sieht in den vergangenen 18 Monaten eine deutliche Verschiebung. Ausgeschrieben werden nicht mehr nur klassische Revierförster, sondern Wildtiermanager, Monitoring-Beauftragte, Aufforstungs-Koordinatoren, Naturraum-Manager. Die Titel variieren, der Kern ist überall ähnlich.

Wildtiermanager statt Förster: was sich konkret ändert

Der klassische Revierförster war vor allem Forstwirt. Er kannte sich mit Holzeinschlag aus, mit Beständen, mit der Verwertung. Wild war Teil seiner Welt, aber kein Hauptfokus. In den neuen Stellenprofilen wandert das Wild ins Zentrum. Wer heute eine Aufforstungs-Fläche von 200 Hektar betreut, verbringt seine Arbeitszeit weniger im Sägewerk und mehr im Gespräch mit Jagdpächtern, Jagdgenossenschaften und Behörden.

Die Aufgaben sehen in der Praxis so aus: Vegetationsgutachten erstellen, Verbissmonitoring durchführen, Abschusspläne mit den Jagdberechtigten verhandeln, Wildschutzzäune planen und finanzieren, Pflanzkonzepte für klimaresiliente Mischwälder entwickeln, Konflikte zwischen Naturschutz und Jagd moderieren. Hinzu kommen die Begleitfelder Biber, Wolf, Luchs, Waschbär, Kormoran. Konfliktarten, die in vielen Regionen vor zehn Jahren noch theoretisch waren und heute zum Stellenprofil gehören.

Wer sich diese Stellen anschaut, stellt fest, dass eine reine forstwirtschaftliche Ausbildung nicht mehr reicht. Verlangt werden zusätzlich Kompetenzen in Wildtierökologie, in Konfliktmanagement, in Datenanalyse (denn das Monitoring läuft zunehmend digital), in Pressearbeit. Das ist eine andere Profession als die des klassischen Försters, auch wenn die Stellen in den gleichen Verwaltungen ausgeschrieben werden.

Wo man das lernt

Die Hochschulen haben reagiert. Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf hat zum Wintersemester 2025/26 den Masterstudiengang Naturraum- und Wildtiermanagement eingeführt, mit Schwerpunkten in Wildtierökologie, Biodiversität, Mensch-Wildtier-Konfliktmanagement und Monitoring. Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, traditionell stark in der Forstausbildung, hat ihr Bachelor-Programm um Wildtiermanagement-Module erweitert. In Österreich bietet die Vetmeduni Wien einen Master in Wildtierökologie und Wildtiermanagement an, der für deutsche Bewerber gut zugänglich ist.

Wer schon im Beruf ist, kann berufsbegleitend weiterbilden. Die Landesjagdverbände bieten zertifizierte Lehrgänge zu Vegetationsgutachten und Verbissmonitoring. Die Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalten der Bundesländer führen Fortbildungen für Forstpersonal durch, die teilweise auch externen Interessierten offenstehen. Wer hier einen Lehrgang absolviert und das Zertifikat in der Bewerbungsmappe hat, signalisiert: Diese Person hat verstanden, in welche Richtung sich der Beruf gerade bewegt.

Für Quereinsteiger ist der direkte Weg über ein Master-Aufbaustudium oder eine forstwissenschaftliche Zusatzqualifikation. Wildbiologen aus der Veterinärmedizin und Geografen mit GIS-Erfahrung haben in den vergangenen zwei Jahren auffällig viele dieser neuen Stellen besetzt. Wer aus dem Naturschutz kommt (etwa NABU, BUND, Wildtierstiftung), hat den thematischen Hintergrund, muss aber meist die forstwirtschaftliche Brille erst aufsetzen.

Reh auf einer Waldlichtung Schalenwild auf einer Waldlichtung. Der Druck von Reh, Rotwild und Sika auf junge Mischwälder ist zu einem der zentralen Stellprofile geworden. Foto: Vladimir Kudinov.

Was die Stellen wert sind

Die Vergütung läuft im öffentlichen Dienst fast überall nach Tarifvertrag der Länder (TV-L). Wildtiermanagement-Positionen mit Hochschulabschluss werden je nach Aufgabenzuschnitt und Berufserfahrung in der Regel im mittleren Bereich der Entgeltgruppen eingruppiert, Führungsstellen entsprechend höher. Die jeweils aktuellen Bruttobeträge lassen sich in der TV-L-Entgelttabelle nachschlagen. Beamten-Stellen folgen der Besoldungsordnung A.

Für Bewerber wichtig: viele der neueren Wildtiermanagement-Stellen werden zunächst befristet ausgeschrieben, weil sie aus Drittmittel-Programmen finanziert sind. Wer die Verstetigung sucht, sollte das im Bewerbungsgespräch direkt ansprechen.

Wer in diesen Stellen erfolgreich ist

Aus den Stellenausschreibungen lässt sich ein Anforderungsprofil rekonstruieren, das sich auffällig oft wiederholt. Verlangt wird ein abgeschlossenes Studium in Forstwissenschaft, Wildtierökologie, Wildbiologie oder einer verwandten Disziplin. Erwünscht ist mehrjährige Praxiserfahrung im Forst oder Naturschutz. Pflicht ist in den meisten Fällen ein gültiger Jagdschein. Wer einen Hund führt (Schweißhund, Stöberhund), wird in vielen Ausschreibungen explizit bevorzugt. Verlangt werden außerdem GIS-Kenntnisse, Erfahrung in Vegetationsgutachten, kommunikative Stärke im Umgang mit Jagdpächtern und Behörden.

Was selten in der Stellenausschreibung steht, aber in der Praxis entscheidend ist: Konfliktfähigkeit. Diese Stellen leben davon, dass jemand zwischen Naturschutzverbänden, Jagdpächtern, Forstverwaltung und kommunaler Politik moderieren kann, ohne in Lager hineinzukippen. Wer sich beruflich nur in einer dieser Welten bewegt hat, tut sich erfahrungsgemäß schwer. Die besten Wildtiermanager kommen aus Doppel-Karrieren: jemand, der Forstwirt gelernt hat und ehrenamtlich im Hegering aktiv war, oder eine Wildbiologin, die in einem Großrevier mitgearbeitet hat. Es ist ein Beruf für Hybride.

Was das für die Branche bedeutet

Die Verschiebung im Stellenmarkt deutet eine größere Strukturveränderung an. Die Forstverwaltungen werden in den nächsten zehn Jahren mehr Menschen einstellen müssen, als sie es in den letzten zwanzig getan haben. Sie werden andere Profile suchen als bisher. Und sie werden konkurrieren mit Naturschutzverbänden, Universitäten und privaten Großgrundbesitzern, die das gleiche Personal brauchen.

Für Bewerber ergeben sich daraus zwei klare Pfade. Wer im Forst seine Karriere plant, sollte Wildtiermanagement-Kompetenz aktiv aufbauen, nicht erst, wenn die Stellenausschreibung kommt. Das Master-Studium an der HSWT, ein zertifizierter Verbissgutachter-Kurs, der Hundeführerschein für Schweißhunde. Drei konkrete Punkte, die in einer Bewerbung sichtbar machen, dass jemand die Branchenrichtung erkannt hat.

Wer aus benachbarten Disziplinen kommt (Biologie, Geografie, Naturschutz, Veterinär), hat aktuell ein offenes Fenster. Die forstwirtschaftlichen Verwaltungen wissen, dass sie ihren Stellenbedarf nicht aus den klassischen Forstausbildungs-Pipelines decken können. Quereinsteiger werden gezielt rekrutiert, in einer Größenordnung, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab.

Die alte Förster-Stelle, mit der Hand am Sägewerk und dem Blick auf den Holzpreis, wird es weiterhin geben. Aber sie ist nicht mehr der Standard. Wer heute eine Karriere im deutschen Forst plant, plant eine Karriere im Wildtiermanagement, ob er das auf dem Bewerbungsschreiben so nennt oder nicht.


Aktuelle Wildtiermanagement-Positionen in den Landesforsten findest du in der Jagdjobs-Übersicht Forst und Wildtiermanagement.

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