Privatwald als Arbeitgeber: der weniger sichtbare Karrieremarkt in der deutschen Forstwirtschaft
Foto: Rowan Heuvel.
Wer in Deutschland eine forstliche Karriere plant, denkt fast automatisch an die Landesforsten. An die Bayerischen Staatsforsten, an Hessen Forst, an die Niedersächsischen Landesforsten und die anderen 13 Länderforstbetriebe. Diese sichtbare Hälfte der deutschen Forstwirtschaft ist gut dokumentiert, gut erforscht und gut in den Karriere-Beratungen vertreten. Die andere Hälfte ist es nicht. Sie ist mindestens so groß und bietet ein eigenes, oft sehr attraktives Berufsfeld.
Diese andere Hälfte ist der Privatwald.
Wie groß der Privatwald wirklich ist
Die Forststrukturerhebung 2022 des Statistischen Bundesamts dokumentiert, dass 43 Prozent der deutschen Waldfläche in Privatbesitz sind. In absoluten Zahlen sind das 4,4 Millionen Hektar Wald, verteilt auf rund 760.000 private Waldeigentümerinnen und -eigentümer. Andere Quellen, die kommunale und körperschaftliche Waldflächen anders zuordnen, kommen auf einen privaten Anteil von bis zu 48 Prozent.
Diese Zahlen machen den Privatwald zu einem riesigen Arbeitsmarkt, der in der Karriere-Beratung oft unter dem Radar bleibt. Die meisten Waldwirtschaftsstudierenden haben in ihrem Studium Vorlesungen über die Landesforsten gehört, wenige über die Privatwald-Strukturen. In der Berufsausübung wird das später nachgeholt, aber es kostet Zeit, die im Berufseinstieg eigentlich nicht da ist.
Wie der Privatwald strukturiert ist
Der Privatwald in Deutschland ist überwiegend klein strukturiert. Rund die Hälfte der Privatwaldfläche besteht aus Betrieben mit weniger als 20 Hektar. Diese Klein- und Kleinstwaldbesitzer bewirtschaften ihre Flächen oft im Nebenerwerb, manche nur saisonal, manche ausschließlich für den Eigenbedarf an Brennholz und Bauholz.
Die andere Hälfte der Privatwaldfläche entfällt auf größere Betriebe. Mittlere Forstbetriebe (20 bis 200 Hektar) sind oft landwirtschaftliche Familienbetriebe mit angeschlossener Forstwirtschaft. Größere Betriebe (200 bis 1.000 Hektar) werden häufig durch eigene angestellte Försterinnen und Förster oder durch externe Forstberatungs-Dienstleister bewirtschaftet.
Großforstbetriebe in privater Hand (über 1.000 Hektar) sind seltener, aber sehr stabile Arbeitgeber. Sie gehören häufig zu Adelshäusern, zu Stiftungen oder zu Forstbetriebsgesellschaften, die seit Generationen oder Jahrhunderten eigene Wälder bewirtschaften. Beispiele für solche Strukturen finden sich in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und in einigen weiteren Bundesländern.
Forstbetriebsgemeinschaften: das organisierte Mittelfeld
Zwischen Kleinwaldbesitzern und Großbetrieben gibt es eine spezielle Organisationsform, die im Privatwald eine zentrale Rolle spielt: die Forstbetriebsgemeinschaft (FBG). Forstbetriebsgemeinschaften sind freiwillige Zusammenschlüsse von Waldeigentümern, die ihre Flächen gemeinsam bewirtschaften, gemeinsam vermarkten oder gemeinsam Maschineneinsätze organisieren.
Allein in Bayern existieren rund 140 Forstbetriebsgemeinschaften, die etwa zwei Drittel der bayerischen Privatwaldfläche bündeln. Vergleichbare Strukturen gibt es in den anderen Bundesländern. Die Forstbetriebsgemeinschaften sind organisatorisch zwischen den einzelnen Eigentümern und den staatlichen Forstbehörden angesiedelt und bilden in vielen Regionen eine wichtige Beschäftigungsschicht.
Wer in einer Forstbetriebsgemeinschaft arbeitet, hat häufig die Rolle einer Geschäftsführerin oder eines Geschäftsführers, einer Forstberaterin oder eines Försters, der für viele kleinere Eigentümer einer Region zuständig ist. Das ist ein eigenständiges Berufsbild mit erheblicher fachlicher Breite, weil es Beratung, Planung, Vermarktung und Mitarbeiterführung verbindet.
Großforstbetriebe und Stiftungswälder
Die Großforstbetriebe in privater Hand sind in vielen Regionen die ältesten organisierten Forstbetriebe überhaupt. Häuser wie das Fürstenhaus zu Fürstenberg in Süddeutschland, die Hatzfeldt-Wildenburg'sche Verwaltung oder die diversen Stiftungswälder bewirtschaften Wälder, die seit Jahrhunderten in derselben Familie oder Stiftung sind. Diese Kontinuität schafft eine besondere Arbeitskultur, die in den Landesforsten so nicht existiert.
Die Stellen in solchen Betrieben verteilen sich auf die klassischen forstlichen Berufsfelder, oft mit zusätzlichen Aufgaben in der Verwaltung, in der Jagd und im Naturschutz. Eine Försterin in einem Großprivatbetrieb hat in der Regel mehr Selbstständigkeit und Entscheidungsverantwortung als in einer staatlichen Verwaltung, weil die Organisationsstrukturen schlanker sind. Sie hat zugleich weniger formal abgesicherte Karriere-Stufen, weil das Tarifsystem oft nicht greift und die Vergütung individuell ausgehandelt wird.
Ein wichtiger Punkt für Bewerber: viele Großprivatbetriebe verbinden Forst- und Jagdverwaltung in einer Funktion. Die "Hofjäger"-Tradition lebt in modernisierter Form weiter, mit Berufsjägerinnen und Berufsjägern, die in den Großrevieren angestellt sind und neben der Forstaufgabe auch die Jagdorganisation, das Wildtiermanagement und in vielen Fällen die Repräsentation des Hauses übernehmen.
AGDW als Dachverband
Auf Bundesebene werden die Interessen der privaten und kommunalen Waldeigentümer von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) vertreten. Die AGDW ist der Dachverband der Privatwald-Interessen und ein wichtiger Ansprechpartner für regulatorische, fachliche und arbeitsmarktbezogene Fragen rund um den Privatwald.
Wer sich für eine Karriere im Privatwald interessiert, findet auf den AGDW-Webseiten und denen ihrer Landesverbände wertvolle Übersichten über die Struktur des Privatwaldes, die Förderprogramme und die politischen Themen, die diesen Teil der Forstwirtschaft prägen.
Was Stellen im Privatwald von Stellen in den Landesforsten unterscheidet
Aus der Struktur des Privatwaldes ergeben sich mehrere Unterschiede zu Stellen in den staatlichen Forstbetrieben.
Erstens, größere fachliche Bandbreite. Wer in einer Forstbetriebsgemeinschaft oder in einem mittelständischen Privatbetrieb arbeitet, deckt häufig Aufgaben ab, die in den Landesforsten auf mehrere Funktionen aufgeteilt sind: Forstwirtschaft, Vermarktung, Beratung, Verwaltung, manchmal auch Jagd und Naturschutz in einer Hand.
Zweitens, andere Vergütungslogik. Tarifvertrag ist im Privatwald nicht der Standard. Verträge werden individuell verhandelt. Das kann zu höherer Vergütung führen, vor allem in den Großprivatbetrieben mit guter Ertragslage, aber auch zu mehr Verhandlungsverantwortung beim Berufsstart.
Drittens, andere Personalentwicklungspfade. Großforstbetriebe haben oft eigene Trainee- oder Nachwuchsförderungs-Programme, mittlere und kleine Betriebe weniger formell. Wer aus dem öffentlichen Dienst kommt, sollte erwarten, dass die Personalentwicklung weniger strukturiert ist und dafür mehr Eigeninitiative verlangt.
Viertens, andere regionale Verteilung. Privatwald-Stellen folgen der Eigentümer-Verteilung. In Bundesländern mit traditionell hohem Privatwald-Anteil (Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein) gibt es deutlich mehr Stellen als in Bundesländern mit überwiegend staatlichem Waldbesitz.
Wie man Stellen im Privatwald findet
Stellen im Privatwald werden auf anderen Wegen ausgeschrieben als Stellen in den Landesforsten. Forstbetriebsgemeinschaften schreiben ihre Stellen häufig über die regionalen Landwirtschaftskammern oder über die AGDW-Strukturen aus. Großforstbetriebe nutzen eine Mischung aus eigenen Websites, regionalen Tageszeitungen, Fachmedien (Wild und Hund, DJZ, Pirsch, Allgemeine Forst Zeitschrift) und persönlichen Netzwerken.
Wer Karriere im Privatwald plant, sollte deshalb mehr Energie in Netzwerk-Pflege investieren als bei einer Bewerbung im öffentlichen Dienst. Branchen-Tagungen, Forstvereinsabende, Messen und persönliche Kontakte zu bestehenden Mitarbeitern öffnen oft Türen, die durch reine Stellenbörsen nicht erreichbar sind.
Eine Position
Der Privatwald ist eine eigene Welt innerhalb der deutschen Forstwirtschaft, mit eigenen Strukturen, eigenen Arbeitgebern und eigenen Karriere-Pfaden. Wer ausschließlich in den Stellenportalen der Landesforsten sucht, sieht nur die Hälfte des deutschen Forst-Arbeitsmarkts.
Für Bewerberinnen und Bewerber mit Wunsch nach fachlicher Breite, schlanken Strukturen und Verantwortung von Anfang an ist der Privatwald oft die bessere Wahl als die staatlichen Forstbetriebe. Für Bewerber mit Wunsch nach Tarifvertrag, planbarem Aufstieg und institutioneller Stabilität sind die Landesforsten die richtige Adresse. Beide Welten haben ihre Stärken, und der Privatwald hat sie nur unsichtbarer.
Aktuelle Stellen in Forst, Privatrevier und Forstbetriebsgemeinschaften findest du auf Jagdjobs.de.