Die stille Konsolidierung: wer in der deutschen Jagdbranche wen besitzt
Foto: Daniel Seßler.
Wer sich bei Sauer bewirbt, bewirbt sich bei Blaser. Wer bei Mauser anfängt, arbeitet im selben Konzern wie ein Mitarbeiter bei Rigby. Wer in der Optik-Sparte von Minox einsteigt, sitzt unter dem gleichen Dach wie die Wärmebild-Spezialisten von Liemke. Wer bei RWS arbeitet, ist seit Sommer 2022 Beretta-Mitarbeiter, ohne dass das auf dem Lohnzettel besonders auffällt.
Die deutsche und mitteleuropäische Jagdbranche hat sich in den letzten 25 Jahren leise konsolidiert. Aus früher unabhängigen Marken sind Konzerngruppen mit Doppelfunktionen, gemeinsamen Strategien und gemischten Mitarbeiter-Karrieren geworden. Wer in die Branche einsteigt oder den Arbeitgeber wechselt, sollte verstehen, in welchem Konzernverbund er sitzt. Die Antwort prägt das Organigramm und oft auch die strategische Richtung der eigenen Stelle.
Blaser Group: Familie L&O
Die wichtigste Konsolidierung im deutschsprachigen Raum hat 2000 begonnen, als die schweizerische SIG-Gruppe ihre Waffen-Sparte abgab. Käufer waren die Unternehmer Michael Lüke und Thomas Ortmeier, die unter dem Namen L&O Holding (Lüke und Ortmeier) eine Gruppe aufbauten, die heute eine der einflussreichsten Marken-Familien in der mitteleuropäischen Jagd- und Sportwaffenbranche ist.
L&O Holding kontrolliert die Blaser Group, die wiederum seit 2018 als Dachgesellschaft mehrerer Traditionsmarken auftritt. Zum Markenportfolio der Blaser Group gehören Blaser, Mauser, J.P. Sauer & Sohn, Rigby, Diana und Minox, ergänzt um die 2020 übernommene Wärmebild-Marke Liemke. Außerhalb der Blaser Group, aber unter dem gleichen L&O-Holding-Schirm, sitzt SIG Sauer mit seinem US-Geschäft und der dort getrennten Sport- und Behördenstruktur.
Was das für Bewerber konkret bedeutet: wer sich bei einer dieser Marken bewirbt, bewirbt sich faktisch bei einem mitteleuropäischen Mittelstandskonzern mit deutschem Stamm und global verteilten Töchtern. Die Marken haben jeweils eigene Identitäten, Produktwelten und Belegschaften, aber sie teilen sich Konzern-Funktionen wie Einkauf, IT, teilweise auch Vertriebsstrukturen. Innerhalb der Gruppe sind interne Wechsel möglich und nicht selten, vor allem auf Produktmanagement-, Marketing- und Vertriebsebene.
Strategisch positioniert sich die Blaser Group klar im Premium-Segment, mit starker Tradition in Repetierern, Drillingen und Premium-Optik. Wer hier einsteigt, arbeitet in einem Umfeld, in dem Markenpflege, handwerkliche Qualitätsstandards und langjährige Kundenbeziehungen das Tagesgeschäft prägen.
Beretta Holding: das italienische Großhaus
Auf der anderen Seite der Konsolidierungs-Karte sitzt Beretta Holding, eine in Luxemburg registrierte Familien-Holding der italienischen Beretta-Familie, die direkte oder indirekte Beteiligungen an 26 Unternehmen hält. Die Schusswaffen-Marken der Gruppe lesen sich wie ein Branchen-Verzeichnis: Beretta selbst, Benelli, Franchi, Sako, Tikka, Stoeger, Uberti, Chapuis Armes und Holland & Holland.
Hinzu kommen die Optik-Marken Burris und Steiner, der Schalldämpfer-Hersteller Hausken und die Bekleidungs-Marke Serbal. 2022 hat Beretta Holding zusätzlich die schweizerische RUAG Ammotec übernommen, die Munitionssparte des ehemaligen Bundesbetriebs RUAG International. Damit kamen die Munitionsmarken RWS, Norma, Geco und Rottweil unter das Beretta-Dach, dazu rund 2.700 Mitarbeiter an den Standorten Thun, Fürth, Schönebeck und weiteren Werken.
Nach der RUAG-Übernahme ist die Beretta Holding auf mehr als 6.000 Mitarbeiter weltweit gewachsen, mit über 50 Tochtergesellschaften und einem Konzernumsatz von zuletzt etwa 1,4 Milliarden Euro. Etwa zwei Drittel des Umsatzes kommen aus dem zivilen Sport- und Jagdmarkt, das verbleibende Drittel aus dem Behörden- und Militärgeschäft.
Für Bewerber ist die Beretta-Welt eine andere als die Blaser-Welt. Die Marken werden bewusst eigenständig geführt, mit eigenen Belegschaften, eigenen Standorten und eigenen Produktstrategien. Aber im Hintergrund laufen Konzern-Funktionen, die strategische Entscheidungen mitprägen, vor allem in der Produktpalette, in den Investitionen und in der internationalen Vertriebsstruktur. Ein Mitarbeiter bei Sako in Finnland und ein Mitarbeiter bei RWS in Fürth arbeiten formal in unterschiedlichen Welten, sitzen aber im gleichen Konzern.
Was Konsolidierung für Karrieren bedeutet
Aus den beiden Großstrukturen lassen sich mehrere Konsequenzen für Bewerber ableiten.
Erstens: ein Markenwechsel bedeutet nicht zwangsläufig einen Arbeitgeberwechsel. Wer von Mauser zu Sauer wechselt, bleibt im selben Konzern. Wer von RWS zu Sako geht, bleibt unter Beretta. Das hat steuerliche und betriebsrentenrechtliche Folgen, die sich in einem Wechsel ohne Konzernverbund anders darstellen würden.
Zweitens: in größeren Konzernverbünden werden viele strategische Linien an mehreren Standorten parallel gezogen, mit klaren Zuständigkeiten in den Markenhäusern und übergreifenden Funktionen auf Konzernebene. Wer in Produktplanung oder Geschäftsleitung arbeitet, hat damit Zugang zu einem größeren Entscheidungsumfeld, in dem Marken-Identität und Konzern-Ressourcen sich ergänzen.
Drittens: die Konsolidierung verschiebt die Karrierepfade. In einem konzernintegrierten Markenhaus gibt es Aufstiegsmöglichkeiten, die in einem freistehenden Mittelständler nicht existieren würden. Ein Produktmanager bei Mauser kann mittelfristig in eine konzernweite Position bei der Blaser Group wechseln. Ein Vertriebsleiter bei Norma kann sich in die Beretta-Gesamtstruktur bewegen. Diese Pfade sind real, sie werden in den Bewerbungsgesprächen aber selten offen kommuniziert.
Viertens: regulatorische und politische Entscheidungen (EU-Munitions-Recht, Waffenrecht, Außenhandelsbestimmungen) wirken auf den ganzen Konzern, nicht auf die Einzelmarke. Wer in der Branche arbeitet, sollte solche Themen mitlesen, auch wenn sie nicht direkt mit dem eigenen Produkt zu tun haben.
Wer noch unabhängig ist
Trotz der Konsolidierung gibt es in der mitteleuropäischen Jagdbranche weiterhin große unabhängige Hersteller. Heym, Krieghoff und Merkel in Deutschland sind eigentümergeführte Manufakturen ohne Konzernverbund. Steyr Arms gehört seit April 2024 zur tschechischen RSBC-Investmentgruppe und steht damit zwar in einer Investorenstruktur, aber außerhalb der beiden Großkonzerne. Frankonia ist als Versand- und Filialhändler eine eigenständige Größe. Im Optikbereich sind Schmidt & Bender, DDoptics, Kahles und Swarovski-Optik unabhängig.
Die unabhängigen Häuser haben eigene Wettbewerbsvorteile: kürzere Entscheidungswege, oft engere Bindung an die Kunden, klarere Markenidentität. Sie haben aber auch Nachteile: weniger Investitionsmittel, kleinere Vertriebsstrukturen, höhere Verletzlichkeit bei regulatorischen Schocks. Bewerber sollten beides kennen, bevor sie sich zwischen Konzern und Mittelständler entscheiden.
Wie sich die Branche weiter entwickelt
Mehrere strukturelle Trends prägen die Branche weiter: regulatorische Themen wie die EU-Munitions-Diskussion, steigende Investitionen in Forschung und Entwicklung in Bereichen wie Wärmebild und Digitalisierung, und die Internationalisierung der Vertriebsstrukturen. Sowohl die größeren Konzernverbünde als auch die eigentümergeführten Häuser entwickeln dazu eigene Antworten, oft mit eigenen Stärken in unterschiedlichen Segmenten.
Für Bewerber lohnt sich der laufende Blick in die öffentliche Branchenberichterstattung von Pirsch, DJZ und Wild und Hund, weil dort strategische Entwicklungen früh sichtbar werden und sich daraus Hinweise für die eigene Karriereplanung ableiten lassen.
Eine Position
Konsolidierung ist in der Branchen-Erzählung oft mit negativen Vokabeln verbunden: Verlust von Identität, Standardisierung, Verlust von Eigenständigkeit. Diese Erzählung greift bei der Jagdbranche nur zum Teil. Die Marken in den großen Konzernverbünden haben in den vergangenen 20 Jahren ihre Identität mehrheitlich gehalten, ihre Produktqualität nicht verloren und in einigen Fällen sogar gestärkt. Die Mauser-Renaissance der 2010er Jahre, der Wiederaufstieg von Rigby, die internationale Profilierung von RWS unter neuem Dach: das alles wäre ohne den Investitionsrückhalt eines Konzerns kaum möglich gewesen.
Wer in der Branche arbeiten will, sollte deshalb die Konzern-Frage nicht ideologisch, sondern praktisch betrachten. Beide Welten haben ihre Stärken. Wichtig ist, dass die Wahl bewusst getroffen wird, mit Kenntnis der Eigentumsverhältnisse und mit einem Blick auf die strategischen Konsequenzen, die sich aus dem Konzernumfeld ergeben.
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